PC-based Control automatisiert Brückensystem für Ed Sheerans Loop Tour
60.000 Fans blicken auf zur Bühne. In nur 90 Sekunden fährt von dort eine rund 37 m lange Brücke über die Menge, und Ed Sheeran steht mittendrin. Keine Videowände, keine Distanz – nur der Künstler und sein Publikum, verbunden durch eine automatisierungstechnische Glanzleistung, die wenige Monate zuvor nur als Idee existierte.
„Ed wollte auf einer zweiten Bühne mitten im Publikum auftreten – ohne klassischen Steg, der die Zuschauer trennt“, sagt Jeremy Lloyd, Design Consultant bei Wonder Works, der Produktionsdesign-Beratung hinter Ed Sheerans Loop Tour. „Die Herausforderung bestand darin, dieses Konzept für eine moderne, weltweite Stadiontour technisch umzusetzen.“ Um die Vision Realität werden zu lassen, wandte sich Wonder Works an Show Canada, ein Design-Build-Engineering-Unternehmen aus Montreal, das seit über 25 Jahren komplexe automatisierte Bühnensysteme für anspruchsvolle Produktionen weltweit realisiert.
Die Idee des Brückensystems
Show Canada wurde 1999 vom heutigen CEO Jean Labadie gegründet und verbindet seitdem ingenieurtechnische Präzision mit der Kreativität der Entertainmentbranche. Das Unternehmen bietet schlüsselfertige Lösungen von Design, Engineering und Fertigung bis zur Installation – für nahezu alle Bereiche der Unterhaltungsindustrie, von architektonischen Installationen über Theatertourneen und olympische Zeremonien bis hin zu Großveranstaltungsstätten. Die Loop Tour sollte sich als eines der anspruchsvollsten Projekte überhaupt erweisen.
„Eds Idee war es, den Menschen näherzukommen“, erklärt Davide Monastero, Director of Electrical and Automation bei Show Canada. „Bei bestimmten Songs wollte er die Hauptbühne verlassen und mitten in der Menge auftreten. Die Brücke war das Mittel dazu – eine ebenso reizvolle wie herausfordernde Aufgabe.“ Die Antwort von Show Canada heißt „Tape Deck“ – benannt nach der von Kassetten inspirierten visuellen Identität der Loop Tour. Das integrierte System kombiniert eine knapp 37 m lange, ausfahrbare Kragarmbrücke aus sieben Segmenten mit zehn Scherenhubtischen und zwei automatisierten Bühnenversenkungen. Die Brücke reicht von der Hauptbühne bis zu einer zweiten Auftrittsplattform in der Hallenmitte. Hubtische und Versenkungen steuern den Showablauf rund um ihre Bewegung.
Der ambitionierte Zeitplan
Ed Sheeran sollte die Loop Tour im Januar 2026 in Neuseeland eröffnen – Show Canada blieben damit sieben Monate, um eines der ambitioniertesten Bühnenautomatisierungssysteme zu konstruieren, zu fertigen und auszuliefern, das je für eine Tourproduktion gebaut wurde. „Der erste Showtermin stand fest und war nicht verhandelbar“, sagt Martine Jobin, Projektmanagerin bei Show Canada. „Zudem musste das Equipment per Schiff transportiert werden, mit entsprechend langen Transitzeiten. Es gab keinerlei Puffer für Fertigungsverzögerungen oder Nacharbeit. Der Versandtermin war gesetzt und nicht verhandelbar.“ Entsprechend war der Druck vom ersten Tag an spürbar.
Doch nicht nur der Zeitplan war herausfordernd. Das System muss einer mehrjährigen weltweiten Stadiontour standhalten, wie sie nur eine Handvoll Künstler weltweit bestreiten kann – über unterschiedliche Klimazonen, Sicherheitsvorschriften und logistische Rahmenbedingungen hinweg, die von Land zu Land variieren. „In diesem Projekt kamen Anforderungen zusammen, die wir bislang nur einzeln aus anderen Produktionen kannten: Outdoor-Einsatz, Tourbetrieb, Auslegung auf schnelle Montage und Demontage“, so Monastero. „Zum ersten Mal vereinten sie sich in einem einzigen System.“ Das alles in sieben Monaten zu realisieren, verlangte nach einer Automatisierungsplattform, die mit diesem Tempo schritthalten kann.
Die passende Plattform
Angesichts des ambitionierten Zeitplans und eines sehr komplexen Bewegungssystems wollte Show Canada bei der Technik kein Risiko eingehen. Deshalb entschied sich das Unternehmen für PC-basierte Steuerungstechnik von Beckhoff – eine Plattform, die sich bereits in früheren Bühnenautomatisierungsprojekten bewährt hatte. „Eine große Tour lebt vom Zusammenspiel aus Licht, Video und Audio. Für uns ist allerdings die Motion das bestimmende Element“, sagt William Cope, Head of System Design bei Show Canada. „Wir brauchten eine Plattform, der wir mit Blick auf die zuverlässige Durchführung der Mehrachs-Bewegungen Abend für Abend vertrauen können.“
Ebenso wichtig: Die offene Architektur von Beckhoff ermöglichte es dem Team, Asynchronmotoren und Antriebe von Drittanbietern ohne Integrationsaufwand über EtherCAT einzubinden – eine zentrale Anforderung für ein System, das auf spezialisierte Tourkomponenten setzt. „Beckhoff zwingt uns nicht, alles bei Beckhoff zu kaufen“, betont Cope. „Das gilt nicht für jeden Automatisierungsanbieter – ist jedoch entscheidend, wenn Fremdkomponenten nahtlos in derselben Architektur funktionieren müssen.“
Bestärkt wurde die Entscheidung durch XM Automation, den Partner für die Bedienpulte der Loop Tour, der ebenfalls mit Automatisierungstechnik von Beckhoff arbeitet. Da beide Teams dieselbe Plattform nutzen, konnte Show Canada in einem Zeitplan, der keinen Raum für Überraschungen ließ, sofort durchstarten. „Es war letztlich eine klare Entscheidung“, sagt Cope. Das gelte auch für die Zusammenarbeit im Support: „Wenn wir eine Frage oder ein Problem haben, ist das Beckhoff Team immer erreichbar, per Telefon oder E-Mail.“ Monastero ergänzt: „Wir machen bei jedem Projekt mit Beckhoff gute Erfahrungen, von der Angebotserstellung über den technischen Support bis zur Lieferung.“
Die technische Umsetzung
Platz ist in jedem Tour-Rig knapp – auch in den Schaltschränken des Brückensystems. Als Steuerungszentrale wählte Show Canada den Ultra-Kompakt-Industrie-PC C6015 von Beckhoff: klein genug für den beengten Einbauraum, ohne Abstriche bei der Rechenleistung. „Etwas möglichst Kompaktes, aber sehr Leistungsfähiges – genau das haben wir gebraucht“, erklärt Cope. Auf dem IPC läuft TwinCAT, während EtherCAT die Kommunikation über sämtliche Komponenten des Rigs abwickelt.
TwinCAT 3 Motion (NC/PTP) koordiniert die Achsabläufe von Brücke und Hubsystemen, während der EtherCAT-Abzweig CU1128 das Netzwerk über Schaltschränke und Feldgeräte hinweg robust hält: Wird beim Load-in ein einzelnes Kabel gezogen, bleibt der Rest des Systems online. Asynchronmotoren und Antriebe von Drittanbietern sind über EtherCAT-Klemmen eingebunden – die Architektur bleibt dadurch offen für die Komponenten, mit denen Show Canada ohnehin arbeitet.
Die eigentliche Leitlinie des Designs war jedoch die Sicherheitstechnik. Das Brückensystem ist eine modulare Maschine, deren Segmente während der Montage nicht durchgängig physisch verbunden sind. TwinSAFE-Klemmen übernehmen die verteilte Sicherheitskommunikation zwischen diesen Segmenten, sodass die Crew gleichzeitig an mehreren Bereichen arbeiten kann, statt bis zur vollständigen Montage auf das Einschalten warten zu müssen. „Das hat den Aufbau deutlich beschleunigt“, blickt Cope zurück. Zusätzliche Praxistauglichkeit im Tourbetrieb bietet die TwinCAT HMI: Sie ermöglicht eine rollenbasierte, protokollierte Sicherheitsübersteuerung mit automatischen Timeouts für Inbetriebnahme und Wartung außerhalb der Show. So lassen sich Verriegelungszustände beim Aufbau lösen, ohne den Showbetrieb zu unterbrechen.
Der zuverlässige Einsatz
Bei einem System, das mehrmals pro Woche auf- und abgebaut wird, zählt die schnelle Fehlerdiagnose auf dem Stadionboden ebenso viel wie die Performance. Eines der wichtigsten Werkzeuge für die Crew war die EtherCAT-Diagnoseseite. „Nach dem Einstecken eines Kommunikationskabels sieht die Crew dort in Echtzeit, ob die Verbindung zu jedem Modul steht“, erklärt Cope. Statt Fehler in Daisy-Chain-Verbindungen manuell zu suchen, lassen sich Probleme sofort lokalisieren – selbst mitten im Stadion-Load-in. „Bei einem defekten Kabel sieht man die Frame-Verluste sofort. Ich hätte nicht erwartet, dass das ein Game Changer wird, aber für die Fehlersuche hat es enorm viel gebracht.“ Der Diagnosevorteil zeigte sich schnell im Tagesgeschäft: Die Load-in-Zeiten sanken von 24 Stunden bei der ersten Show auf zwölf bis 14 Stunden nach den Auftaktkonzerten, der Abbau dauert nur noch rund sechs Stunden.
„Projekte wie die Loop Tour zeigen, welche Engineering-Kompetenz wir hier in Kanada haben“, sagt Ted Sarazin, Regional Manager bei Beckhoff Automation Kanada. „Wir freuen uns, ein Unternehmen aus Montreal zu unterstützen, eines der anspruchsvollsten Bühnenautomatisierungssysteme zu realisieren, das je für eine weltweite Konzerttournee gebaut wurde. Unsere Aufgabe dabei ist es, eine offene Automatisierungsplattform bereitzustellen, mit der innovative Unternehmen wie Show Canada die Grenzen des Machbaren verschieben können.“
Über die betriebliche Effizienz hinaus hat die technische Umsetzung der Kragarmbrücke im ersten Tourjahr überregional Aufmerksamkeit erregt: Das System wurde bei der Institution of Structural Engineers und der International Association for Bridge and Structural Engineering eingereicht. Für Martine Jobin stellte sich der wichtigste Erfolgsmoment allerdings deutlich früher ein: „Ed Sheerans Gesichtsausdruck, als er die Brücke zum ersten Mal sah, war jede Mühe wert.“