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EtherCAT – der Ethernet-Feldbus

Die Auswahl der Kommunikationstechnologie ist wichtig: Sie bestimmt, ob die Steuerungsleistung im Feld ankommt und welche Geräte verwendet werden können. EtherCAT, die von Beckhoff erfundene Industrial-Ethernet-Technologie, macht Maschinen und Anlagen schneller, einfacher und kostengünstiger. EtherCAT gilt als der „Ethernet-Feldbus“, weil er die Vorteile von Ethernet mit der Einfachheit der klassischen Feldbussysteme kombiniert und die Komplexität der IT-Technologien vermeidet. Die 2003 gegründete EtherCAT Technology Group (ETG) macht die EtherCAT-Technologie für alle Gerätehersteller zugänglich. Mit über 6.000 Mitgliedsfirmen aus 67 Ländern (Stand Dez. 2020) ist die ETG die weltgrößte Feldbus-Nutzerorganisation.

EtherCAT ist ein internationaler IEC-Standard, der nicht nur für Offenheit steht, sondern auch für Stabilität: Bis heute wurden die Spezifikationen nie geändert, sondern nur kompatibel erweitert. Dadurch können aktuelle Geräte problemlos in bestehenden Anlagen eingesetzt werden, ohne dass unterschiedliche Versionen zu berücksichtigen sind. Zu den Erweiterungen gehören Safety-over-EtherCAT für Maschinen- und Personensicherheit im gleichen Netzwerk sowie EtherCAT P für Kommunikation und Versorgungsspannung (2 x 24 V) auf derselben 4-adrigen Leitung. Und auch mit EtherCAT G/G10 gibt es keinen Technologiebruch: Es ermöglicht die Nutzung von EtherCAT auch auf höheren Übertragungsraten, während die vorhandene EtherCAT-Gerätevielfalt über das Branch-Konzept eingebunden wird.

Engineer´s choice: die 6 zentralen Vorteile von EtherCAT

EtherCAT ist die mit Abstand schnellste Industrial-Ethernet-Technologie. Hinzu kommt die überragende Synchronisationsgenauigkeit in einer Größenordnung von Nanosekunden. Natürlich profitieren davon alle Anwendungen, bei welchen über den Bus geregelt oder auch gemessen wird. Aufgrund der deutlich verkürzten Reaktionszeit werden auch alle Applikationen effizienter, bei denen Weiterschaltbedingungen vorkommen. Zudem entlastet die EtherCAT-Systemarchitektur die Steuerung: Bei gleicher Zykluszeit sind 25 bis 30 % weniger CPU-Belastung im Vergleich zu anderen Bussystemen typisch. Richtig eingesetzt führt die EtherCAT-Performance zu höherer Genauigkeit, mehr Durchsatz und damit zu niedrigeren Kosten.

Bei EtherCAT bestimmt die Anlagenstruktur die Netzwerktopologie, nicht das Bussystem. Switches oder Hubs werden nicht benötigt, also gibt es auch kein Limit bezüglich deren Kaskadierung. Es gibt bei EtherCAT praktisch keine Einschränkungen hinsichtlich der Bustopologie. Linie, Baum, Stern und jede Kombination daraus sind bei nahezu beliebiger Knotenanzahl möglich. Dank der Hot-Connect-Eigenschaft können Knoten und Netzsegmente im laufenden Betrieb ab- und wieder angekoppelt werden. Für Leitungsredundanz wird die Linie zum Ring ergänzt. Auf Master-Seite ist neben der Software lediglich ein zweiter Ethernet-Port erforderlich; Slave-Geräte unterstützen die Redundanz ohnehin. Damit wird auch ein Gerätetausch im laufenden Betrieb möglich.

Konfiguration, Diagnose und Wartung sind bedeutende Kostenfaktoren. Mit dem Ethernet-Feldbus EtherCAT werden diese Aufgaben stark vereinfacht: Knotenadressen vergibt EtherCAT auf Wunsch automatisch, die manuelle Einstellung entfällt. Geringe Buslast und die Peer-to-Peer-Physik maximieren die elektromagnetische Verträglichkeit. Etwaige Störungen werden nicht nur zuverlässig erkannt, sondern auch exakt lokalisiert: Das verkürzt die Fehlersuche. Durch Soll-Ist-Vergleich beim Starten der Anlage werden Abweichungen vom geplanten Layout sofort festgestellt. Auch bei der Konfiguration hilft die EtherCAT-Performance: Das von anderen Systemen bekannte Netzwerktuning ist nicht erforderlich. Und dank der großen Bandbreite wird zusätzlicher TCP/IP-Verkehr einfach mitübertragen. Aber da EtherCAT selbst nicht TCP/IP-basiert ist, sind weder MAC- oder IP-Adressen zu verwalten, noch IT-Experten für Switch- oder Router-Konfiguration gefragt.

Funktionale Sicherheit als integraler Bestandteil der Netzwerkarchitektur – mit Safety-over-EtherCAT (FSoE) kein Problem. Die Technologie ist bewährt: Seit 2005 gibt es TÜV-zertifizierte Geräte. FSoE erfüllt die Anforderungen nach SIL3 und eignet sich für zentrale Safety-Steuerungen ebenso wie für dezentrale. Dank Black-Channel-Ansatz und besonders schlankem Safety-Container kann FSoE auf anderen Bussen eingesetzt werden. Der integrierte Ansatz sowie das schlanke Protokoll führen zu niedrigen Systemkosten. Und auch eine nicht-sichere Steuerung darf die sicherheitsrelevanten Daten mithören und auswerten.

EtherCAT ist Industrial-Ethernet auf oder sogar unter dem Kostenniveau der klassischen Feldbusse. Ein Ethernet-Port ist die einzige Hardware-Anforderung an den Master. Teure Einsteckkarten oder Co-Prozessoren sind überflüssig. EtherCAT Slave Controller (ESC) sind von verschiedenen Herstellern verfügbar; als ASIC, auf FPGA-Basis oder auch als Option für Standard-Mikroprozessorbaureihen. Da diese kostengünstigen Controller alle zeitkritischen Aufgaben übernehmen, stellt EtherCAT keine Anforderungen an die CPU-Performance der Slave-Geräte: Niedrige Anschaltkosten sind die Folge. Und weil EtherCAT keine Switches oder andere aktive Infrastrukturgeräte benötigt, entfallen die Kosten für Kauf, Installation, Konfiguration und Wartung dieser Baugruppen.

EtherCAT ist die Industrial-Ethernet-Technologie mit der mit Abstand größten Anbieter- und Gerätevielfalt im Markt. Da Beckhoff der Erfinder von EtherCAT ist, orientieren sich die Gerätehersteller an TwinCAT, dem Goldstandard für EtherCAT-Steuerungen. Mit über 1.000 EtherCAT-Geräten bietet Beckhoff das größte EtherCAT-Produktportfolio; dies kann bei Bedarf durch das Angebot von 3.000 offiziell registrierten Herstellern ergänzt werden. Und was es noch nicht gibt, kann vergleichsweise einfach entwickelt werden: Die EtherCAT Slave Controller Chips machen es möglich.

Die Technologie im Detail

EtherCAT ist Industrial Ethernet und nutzt Standard-Frames sowie die physikalischen Schichten aus dem Ethernet-Standard IEEE 802.3. Für die Nutzung eines Ethernet-basierten Kommunikationssystems in der Automatisierungstechnik gibt es gegenüber der IT- und Office-Welt weitere Anforderungen:

  • Harte Echtzeit mit deterministischen Antwortzeiten wird benötigt.
  • In der Regel sind in den Anlagen viele Teilnehmer vorhanden, die jeweils nur wenige zyklische Prozessdaten besitzen.
  • Die Feldbussysteme werden nicht von IT-Administratoren in Betrieb genommen und gewartet.

Diese Anforderungen schließen die Nutzung eines Standard-Ethernet-Netzwerks innerhalb der Feldebene praktisch aus. Wird für jeden Teilnehmer ein individuelles Ethernet-Telegramm genutzt, dann sinkt bei wenigen Byte zyklischer Prozessdaten die effektive Datenrate erheblich: Das kürzeste Ethernet-Telegramm hat eine Länge von 84 Byte (inkl. Inter Frame Gap), von denen bis zu 46 Byte für Nutzdaten verwendet werden können.

Wenn beispielsweise ein Antrieb 4 Byte Prozessdaten für die aktuelle Position und eine Statusinformation versendet und ebenfalls 4 Byte Daten für die Zielposition und eine Control-Information empfängt, sinkt die Nutzdatenrate für die beiden Telegramme auf 4/84 = 4,8%. Hinzu kommt in der Regel eine Reaktionszeit im Antrieb, um durch den Empfang der Sollwerte das Senden der Istwerte auszulösen. Von der 100-MBit/s-Datenrate bleibt dann nicht viel übrig. Protokoll-Stacks, wie sie in der IT-Welt für das Routing (IP) und den Verbindungsaufbau (TCP) verwendet werden, bedeuten einen zusätzlichen Overhead in den Teilnehmern und bedingen durch die Stack-Laufzeiten weitere Verzögerungen. MAC- und IP-Adressen, SNMP, IGMP-Snooping, Router und Switche zu managen, ist nicht jedermanns Sache.

EtherCAT-Funktionsprinzip
EtherCAT-Funktionsprinzip

EtherCAT umgeht die Nachteile von Ethernet durch das besonders performante Funktionsprinzip: Ein Frame reicht in der Regel aus, um in allen Teilnehmern die Ausgangsinformationen zu aktualisieren und mit dem gleichen Frame die Eingangsinformationen für die Steuerung einzulesen. Das vom EtherCAT-Master ausgesandte Telegramm durchläuft alle Teilnehmer. Jeder EtherCAT-Slave liest „on the fly“ die an ihn adressierten Ausgangsdaten und legt seine Eingangsdaten in den weitergeleiteten Frame. Das Telegramm wird nur durch Hardware-Durchlaufzeiten verzögert. Der letzte Teilnehmer eines Segments (oder Abzweigs) erkennt einen offenen Port und sendet das Telegramm zum Master zurück – hierbei wird die Vollduplex-Eigenschaft der Ethernet-Physik ausgenutzt. Die maximale Nutzdatenrate eines Telegramms liegt dadurch bei über 90%, und die theoretische effektive Datenrate durch Ausnutzung der Full-Duplex-Eigenschaft sogar bei über 100 MBit/s (> 90% von zweimal 100 MBit/s). Der EtherCAT-Master ist der einzige Teilnehmer im Segment, der aktiv einen EtherCAT-Frame versenden darf; alle anderen Teilnehmer leiten die Frames nur weiter. Dies vermeidet unvorhersehbare Verzögerungen und garantiert die Echtzeitfähigkeit. Der Master nutzt einen Standard-Ethernet-Medium-Access-Controller (MAC) ohne einen zusätzlichen Kommunikationsprozessor. Damit kann ein Master auf jeder Hardware-Plattform installiert werden, die einen Ethernet-Port zur Verfügung stellt. Das verwendete Echtzeit-Betriebssystem oder die Applikationssoftware sind dabei unerheblich. Die EtherCAT-Slaves nutzen einen EtherCAT Slave Controller (ESC) für die Verarbeitung „on-the-fly“. Die Verarbeitung erfolgt also vollkommen in Hardware, wodurch die Performance des Netzwerks berechenbar wird und nicht von der Implementierung der einzelnen Slaves abhängt.

EtherCAT fügt seine Daten direkt in die Standard-Ethernet-Frames ein. Dank der Optimierung für kurzzyklische Prozessdaten, kann auf die Verwendung von belastenden Protokoll-Stacks, wie z. B. TCP/IP oder UDP/IP, verzichtet werden. Die Ethernet-IT-Kommunikation zwischen den Teilnehmern kann optional parallel über einen Mailbox-Kanal getunnelt werden, ohne dabei den Echtzeitverkehr zu beeinträchtigen. Das EtherCAT-Frame enthält ein oder mehrere Datagramme. Im Datagramm-Header wird festgelegt, welchen Zugriff der Master im Netzwerk durchführen möchte:

  • Lesen, Schreiben, Lesen und Schreiben
  • Der Zugriff auf einen bestimmten Slave durch die direkte Adressierung oder der direkte Zugriff auf viele Slaves erfolgt durch eine logische Adressierung (implizite Adressierung).

Die logische Adressierung wird für den zyklischen Austausch der Prozessdaten verwendet. Jedes Datagramm adressiert einen bestimmten Teil des Prozessabbilds im EtherCAT-Segment; hierfür steht ein 4-GByte-Adressraum zur Verfügung. Jeder Slave bekommt beim Hochlauf des Netzwerks eine oder mehrere Adressen in diesem Adressraum zugewiesen. Indem mehrere Knoten Adressen im gleichen Bereich erhalten, können diese über ein einziges Datagramm angesprochen werden.

Da die Information über den gewünschten Datenzugriff vollständig in den Datagrammen enthalten ist, kann der Master die Frames variabel gestalten und so entscheiden, wann er auf welche Daten zugreift. Er kann diese zum Beispiel nutzen, um mit kurzen Zykluszeiten die Antriebe im System zu aktualisieren und gleichzeitig mit einer längeren Zykluszeit die I/Os abzufragen. Ein fester Frame-Aufbau ist nicht vorgeschrieben.

Neben der logischen Adressierung hat der Master die Möglichkeit, ein Gerät anhand seiner Position im Netzwerk zu adressieren. Diese wird verwendet, um die Topologie des Netzwerks beim Aufstarten auszulesen und mit einer erwarteten Konfiguration abzugleichen. Nachdem die Konfiguration überprüft wurde, kann der Master jedem Knoten eine konfigurierte Knotenadresse zuweisen und ihn von da an über diese fixe Knotenadresse erreichen. Damit ist ein gezielter Gerätezugriff auch dann möglich, wenn sich die Topologie im laufenden Betrieb ändert, zum Beispiel durch Hot-Connect-Gruppen. Zusätzlich zu den zyklischen Daten können weitere Datagramme eingefügt werden, um eine asynchrone oder bedarfsgesteuerte Kommunikation zu ermöglichen.

Linie, Baum, Stern, Daisy-Chain: EtherCAT unterstützt nahezu alle Topologievarianten. Eine reine Bus- bzw. Linientopologie aus vielen Hunderten Teilnehmern ist mit EtherCAT möglich; und das ohne Einschränkungen, die sich bei anderen Systemen z. B. aus der Kaskadierung von Switches oder Hubs ergeben.

Für die Systemverdrahtung ist aber auch besonders die Kombination aus Linie und Abzweigen oder Stichleitungen von Vorteil: Die hierfür benötigten Abzweigports sind auf vielen I/O-Modulen direkt integriert – Switches oder andere aktive Infrastrukturkomponenten werden nicht benötigt. Natürlich kann auch die für Ethernet klassische Sterntopologie genutzt werden.

Modulare Maschinen oder Werkzeugwechsler benötigen ein Zu- und Abschalten von Netzwerksegmenten oder einzelnen Teilnehmern im laufenden Betrieb. In den EtherCAT Slave Controllern ist die Grundlage für diese Hot-Connect-Funktion bereits enthalten: Wird eine Partnerstation abgezogen, dann wird der Port automatisch geschlossen, sodass das verbleibende Netzwerk störungsfrei weiterarbeiten kann. Sehr kurze Detektionszeiten < 15 μs gewährleisten dabei eine stoßfreie Umschaltung.

Eine hohe Flexibilität bietet auch die Varianz der möglichen Kabel. Kostengünstige Industrial-Ethernet-Kabel können für den 100BASE-TX-Mode mit einer Länge von 100 m zwischen zwei Teilnehmern verwendet werden. Lichtleiter können ebenfalls genutzt werden, zum Beispiel, um zwischen zwei Teilnehmern Strecken von über 100 m zu überwinden. Darüber hinaus ermöglicht die Protokollerweiterung EtherCAT P die Übertragung von Daten und Strom auf nur einem einzigen Kabel. Diese Option erlaubt den Anschluss von Geräten, beispielsweise Sensoren, mit nur einer Leitung. Die komplette Bandbreite an Ethernet-Verkabelung steht also auch für EtherCAT zur Verfügung.

Da bei EtherCAT bis zu 65.535 Teilnehmer in einem Segment angeschlossen werden können, ist die Netzwerkausdehnung nahezu unbegrenzt. Dank der praktisch unbeschränkten Teilnehmerzahl können modulare Geräte wie z. B. anreihbare I/O-Stationen so ausgeprägt werden, dass jedes Modul ein eigener EtherCAT-Teilnehmer ist. Damit entfällt der sonst erforderliche lokale Erweiterungsbus; die EtherCAT Performance erreicht jedes Modul direkt und ohne Verzögerung, da das Gateway in der Kopfstation entfällt

Der exakten Synchronisierung kommt immer dann eine besondere Bedeutung zu, wenn räumlich verteilte Prozesse gleichzeitige Aktionen erfordern. Das kann z. B. in Applikationen der Fall sein, bei denen mehrere Servoachsen gleichzeitig koordinierte Bewegungen ausführen. Wie unten näher erläutert, ist aber auch zur Regelung einer einzigen Achse eine exakte Zeitbasis wichtig.

Im Gegensatz zur vollsynchronen Kommunikation, deren Qualität bei Kommunikationsstörungen sofort leidet, verfügen verteilte abgeglichene Uhren über ein hohes Maß an Toleranz gegenüber möglichen störungsbedingten Verzögerungen im Kommunikationssystem. Daher basiert die EtherCAT-Lösung zur Synchronisierung von Teilnehmern auf dem Mechanismus der verteilten Uhren, genannt Distributed Clocks (DC). Der Abgleich der Uhren in den Teilnehmern erfolgt vollständig in Hardware. Hierfür wird die Uhrzeit des ersten synchron arbeitenden Slave-Geräts zyklisch an alle anderen Uhren im System verteilt. Die Slave-Uhren können sich dadurch exakt auf diese Referenzuhr einregeln. Der resultierende Jitter im System ist signifikant kleiner als 1 μs; meist liegt er im zweistelligen Nanosekunden-Bereich.

Da die Uhrzeitinformation der Referenzuhr durch die Laufzeitverzögerung auf dem Kabel und in den Teilnehmern erst verspätet bei den Slave-Uhren empfangen wird, ist eine Messung und ein Ausgleich dieser Verzögerung für jeden Slave notwendig, um neben der physikalischen Synchronität auch Gleichzeitigkeit zu erreichen. Auch diese Gleichzeitigkeit ist signifikant kleiner als 1 μs.

Wenn alle Teilnehmer die gleiche Zeitinformation besitzen, dann können in den Teilnehmern Ausgänge gleichzeitig gesetzt werden und Eingangssignale mit einem hochgenauen Zeitstempel versehen werden. Bei Motion-Control-Anwendungen ist neben Synchronität und Gleichzeitigkeit auch die Zyklustreue entscheidend: Typischerweise wird hier die Geschwindigkeit aus der zyklisch gemessenen Position ermittelt. Besonders bei kurzen Zykluszeiten macht sich bereits ein kleiner Jitter in der Erfassung der Position in Form eines großen Sprungs in der Geschwindigkeit bemerkbar. Wenn die Positionserfassung aber nicht mit dem Empfang des Telegramms erfolgt, sondern äquidistant aufgrund der Distributed Clock, wird eine wesentlich höhere Genauigkeit erreicht. Die Verwendung der Distributed Clocks entlastet auch den Master: Das Versenden eines EtherCAT-Telegramms wird in einem Bereich > 1 μs jittern, da der Master-Stack in Software realisiert ist und eine Standard-Ethernet-Schnittstelle verwendet wird. Da die zum Sendezeitpunkt des Telegramms aus der Referenzuhr gelesene Uhrzeit verwendet wird, um die Slave-Uhren nachzustellen, ist der absolute Sendezeitpunkt unerheblich und darf auch jittern. Der EtherCAT-Master muss nur noch dafür sorgen, dass das EtherCAT-Telegramm früh genug verschickt wird, bevor in den Slaves das DC-Signal den Trigger zum Setzen der Ausgänge gibt.

Die Erfahrungen mit den klassischen Feldbussystemen zeigen, dass die Verfügbarkeit und Inbetriebnahmezeit einer Anlage wesentlich durch die Diagnoseeigenschaften des Systems bestimmt werden. Hierbei ist neben der Fehlererkennung auch die Fehlerlokalisierung für eine schnelle Behebung wichtig. Neben der Möglichkeit zum Einscannen und Vergleich der Netzwerktopologie während des Hochlaufs unterstützt EtherCAT systeminhärent viele weitere Diagnoseeigenschaften.

In jedem Slave wird das durchlaufende Telegramm vom EtherCAT Slave Controller mithilfe einer Prüfsumme auf Fehler untersucht. Nur wenn das Telegramm fehlerfrei empfangen wurde, werden die Informationen auch der Slave-Applikation zur Verfügung gestellt. Fehlerhafte Telegramme hingegen inkrementieren einen Zähler und werden für die nachfolgenden Teilnehmer als fehlerhaft gekennzeichnet. Das fehlerhafte Telegramm wird auch im Master erkannt und dort ebenfalls verworfen. Über das Auslesen der Fehlerzähler der Teilnehmer ist der Master in der Lage, die Fehlerstelle im System exakt zu lokalisieren. Dies ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber den klassischen Feldbussystemen, bei denen sich Störungen auf der gemeinsam genutzten Busleitung im System ausbreiten und die Quelle einer Störung nicht lokalisiert werden kann. Selten auftretende Störeinflüsse können bei EtherCAT erkannt und lokalisiert werden, auch wenn die Störungen die Funktionalität der Maschine noch nicht beeinflussen. Selbst ein loser Stecker kann dank des Link-Lost-Counters schnell gefunden werden.

Dank der deutlich besseren Bandbreitennutzung ist bei EtherCAT die Wahrscheinlichkeit, dass ein Frame von einer Störung verfälscht wird, ohnehin deutlich geringer als bei Technologien mit Einzelframes – gleiche Zykluszeit vorausgesetzt. Und wenn, wie bei EtherCAT üblich, kürzere Zykluszeiten Verwendung finden, ist die temporäre Wirkung einer etwaigen Störung signifikant verringert. Damit wird auch die applikative Beherrschung solcher Störungen deutlich vereinfacht.

In den Datenpaketen ermöglicht in jedem Datagramm ein Working Counter (WC) die Überwachung der Datenkonsistenz. Jeder Teilnehmer, der von einem Datagramm adressiert wird und dessen Speicherbereich für den Datenzugriff verfügbar ist, inkrementiert den Working Counter automatisch. Der Master kann dadurch zyklussynchron überprüfen, ob alle konfigurierten Teilnehmer die Daten auch bearbeitet haben. Mithilfe von Status- und Fehlerinformationen der Teilnehmer sowie ggf. dem Link-Status kann der Master dann den Grund für das unerwartete Verhalten ermitteln.

Bei vielen Anlagen dürfen Kabelunterbrechungen oder der Ausfall eines Teilnehmers nicht dazu führen, dass das Netzwerk ausfällt oder dass Netzwerksegmente nicht mehr erreichbar sind. Kabelredundanz wird bei EtherCAT über einfache Maßnahmen ermöglicht: Ein zusätzlicher Ethernet-Port im Master und ein zusätzliches Kabel vom letzten Teilnehmer zu diesem Port erweitern die Linien- zu einer Ringtopologie; eine Software-Erweiterung im Master-Stack dient zur Erkennung des Redundanzfalls. Mehr ist nicht notwendig. Die Slave-Teilnehmer bleiben unverändert und wissen nicht einmal, dass sie in einem redundanten Netzwerk betrieben werden.

Der Redundanzfall – eine Kabelunterbrechung oder ein ausgefallener Teilnehmer – wird durch die Link-Erkennung der Teilnehmer automatisch erkannt und aufgelöst. Die Recovery-Zeit liegt bei weniger als 15 μs, so dass maximal ein Kommunikationszyklus gestört wird. Damit können auch kurzzyklische Motion-Anwendungen im Falle eines Kabelbruchs ungestört weiterarbeiten.

Auch Master-Redundanz mit Hot-Standby-Funktionen kann mit EtherCAT realisiert werden. Zudem können gefährdete Maschinenteile, zum Beispiel Teilnehmer, die über eine Schleppkette angebunden sind, per Stichleitungen angebunden werden, um im Falle einer Unterbrechung nicht weitere Teile des Netzwerks zu beeinflussen.

Die Evolution der EtherCAT-Technologie

XFC

Die extrem schnelle Steuerungslösung XFC basiert auf einer optimierten Steuerungs- und Kommunikationsarchitektur, mit der I/O-Response-Zeiten < 100 µs realisiert werden.

EtherCAT P

Die Einkabellösung auf dem Weg zur schaltschranklosen Automatisierung

EtherCAT G

Die Fortführung des EtherCAT-Erfolgsprinzips in Geschwindigkeiten mit 1 GBit/s und 10 GBit/s.

EtherCAT Technology Group – ETG

Jeder soll EtherCAT nutzen und implementieren können. Dafür haben sich in der EtherCAT Technology Group, kurz ETG, die Hersteller von EtherCAT-Geräten, Technologie-Anbieter und Anwender zusammengeschlossen. EtherCAT wird erweitert und umsichtig weiterentwickelt, wobei Interoperabilität und Stabilität im Vordergrund stehen. Die ETG richtet mehrmals jährlich sogenannte Plug-Fests in Europa, Asien und Amerika aus. Dort treffen sich Entwickler von EtherCAT-Geräten, um deren Interoperabilität zu testen. Mit dem offiziellen EtherCAT Conformance Test Tool prüfen die Hersteller ihre EtherCAT-Geräte vor der Freigabe auf Konformität. Konformitätszertifikate werden von der ETG nach bestandenem Test in einem akkreditierten EtherCAT-Testlabor ausgestellt.

Die EtherCAT Technology Group ist der mitgliederstärkste Feldbusverband der Welt. Die Liste der Mitgliedsfirmen ist auf der EtherCAT-Website zu finden. Die ETG hat aber nicht nur besonders viele, sondern auch besonders aktive Mitglieder. Die Vielzahl und Vielfalt von EtherCAT-Geräten sucht ihresgleichen: Die Geschwindigkeit, mit der sich EtherCAT in Europa, Asien und Amerika verbreitet, ist einzigartig. Keine vergleichbare Technologie weist ähnliche Akzeptanzraten auf.

Meilensteine

  • 2003 Vorstellung der EtherCAT-Technologie auf der Hannover Messe
  • 2003 Gründung der EtherCAT Technology Group auf der SPS IPC Drives
  • 2005 Safety over EtherCAT
  • 2007 EtherCAT ist IEC-Standard.
  • 2016 EtherCAT P: Ultraschnelle Kommunikation und Power auf einem Kabel
  • 2019 EtherCAT G: Das nächste Performance-Level mit 1 GBit/s